Ein Ackerstreifen für den Naturschutz – Saatgutgewinnung einer heimischen Wildpflanze




Auf dem Acker unserer Solawi oberhalb von Gut Kremershof wird dieses Jahr (2022) von Juni bis Juli Saatgut gewonnen. Das Saatgut ähnelt dem Löwenzahn aka „Pusteblume“, ist aber viel größer – ungefähr Tennisballgroß. Die dazugehörige Pflanze heißt „Wiesenbocksbart“ oder wissenschaftlich Tragopogon pratensis. Ab Juni sieht man sie hier und da auf artenreichen Wiesen blühen. Der Wiesenbocksbart blüht einmalig: Nach erfolgreicher Bestäubung durch v.a. Fliegen und Käfern schließt sie sich bei Sonnenuntergang. Danach reifen die flugfähigen Samen an und verbreiten sich durch Wind in der Umgebung. Der Wiesenbocksbart braucht frische, nährstoffreiche- und basenreiche Standorte.


Warum bauen wir Wildpflanzen an?

Der Wiesenbocksbart kommt vor allem in Glatthaferwiesen vor. Vor etwa 60 Jahren waren die Glatthaferwiesen die ertragsreichsten Wiesen für Heu und wurden daher als Fettwiesen bezeichnet (Quelle: Schmitz, 2009) – heute gibt es durch die intensive Düngung und Tierhaltung noch ertragreichere Wiesen, die jetzt Fettwiesen genannt werden. Was damals reiche Ernte brachte, ist heute nur durch eine extensive Bewirtschaftung zu erhalten; kein Dünger und eine Mahd von 1-2 Mal im Jahr. Man kann sich schnell merken: Je fetter die Wiese, desto ärmer sieht die Artenvielfalt aus. Das heißt leider nicht, dass Glatthaferwiesen automatisch artenreich sind. Noch in den 60ern kamen maximal 64 und in den 90ern nur noch maximal 37 Arten vor (Quelle: Verbücheln, 2015).

Um dem entgegenzuwirken hat der Landschaftsverband Rheinland das Projekt „Bergisches Saatgut für Bergische Vielfalt“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Artenvielfalt zu erhalten und wiederherzustellen. Dabei setzen sich die Biologischen Stationen Oberberg und Rheinberg dafür ein, dass regionales Saatgut gesammelt und auf Äckern ausgebracht wird. Einer dieser Äcker ist der Acker auf Gut Kremershof, der von unserer Solawi bewirtschaftet wird

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Woher kommt das Saatgut?

Per Hand durfte ich (Alina) für die Biologische Station den Wiesenbocksbart an mehreren sonnigen Tagen sammeln. Zum Teil reichten mir die Gräser bis zum Hals und es fühlte sich nach Kindsein an. Durch eine hochwüchsige Wiese zu schreiten, ist ein besonderes Erlebnis, zwar anstrengend und schweißtreibend, aber voller Entdeckungen.


Was ich 2021 über Wiesen lernen durfte? Artenvielfalt ist wichtig, da je nach Witterung die eine oder andere Art besser zurecht kommt. 2021 war das Jahr der Wiesenmagerite – überall dort, wo durch die Dürrejahre die Pflanzen nicht zurecht kamen, waren Lücken, die nun die Wiesenmagerite erschloss. Es ist wie mit dem Mischwald; dieser ist stabiler als Ökosystem im Vergleich zu einem monotonen Fichtenwald. Genauso sieht es mit Wiesen aus. Wachsen nur eine Handvoll Arten, so kann es zu Ernteausfällen kommen.


Das Saatgut stammt von einer Wiese nahe der Neyetalsperre – das ist sehr wichtig, da es somit regionales Saatgut ist. Regionales Saatgut ist an den Gegebenheiten im Bergischen angepasst. Mittlerweile zeigen genetische Untersuchungen, inwiefern sich Pflanzen einer Art deutschlandweit genetisch unterscheiden (mehr dazu siehe Verlinkung unten). Die Regionalität von Saatgut und Stecklingen muss unbedingt beachtet werden und ist mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben.


Und dann?

Im September 2021 wurden die vorgezogenen Pflanzen unter Mithilfe der Biologischen Station im Dauerregen gesetzt. Die Kultur in Reinform wurde mehrmals händisch entkrautet und überwintert nun als kleine Pflanze. Sie hat eine Wurzel, die der Schwarzwurzel ähnlich aussieht und essbar ist. Im Frühjahr ist das Beikraut durch das Mähen dieser Pflanzen zu unterdrücken, der Bocksbart wird sich erst Richtung Sommer entwickeln. Es werden mehrere Erntetage nötig werden, damit Saatgut zusammenkommt. Das Saatgut wird zu Rieger und Hoffmann geschickt, aufgereinigt und als Regionales Saatgut zum Kauf angeboten, dafür ist das Gebiet „Rheinisches Bergland“ bekannt.


Dank unseres Ackers ist es also möglich, dem Saatgut artenreichen Wiesenbocksbart beizumischen. Wenn die Solawi weiterhin regionales Saatgut vom Wiesenbocksbart vermehren möchte, kann sie neues Saatgut bekommen, Jungpflanzen anziehen und diese wieder ausbringen.


Das Sammeln der fluffigen „Pusteblume“ macht super viel Spaß und im Juni gibt es mit Sicherheit einen Aktionstag zu Mitmachen.


Alina Schulz


Für Besserwisser*innen:

  • Es gibt in Deutschland den Wiesen-Bocksbart mit zwei Subspezien, die kann man folgendermaßen unterscheiden:

  • Östlichen Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. orientalis): die Blüten sind bis 11 Uhr geöffnet

  • Gewöhnlichen Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. pratensis): die Blüten sind bis 14 Uhr geöffnet


Weiterführende Links:

Biologische Stationen

  • Oberberg: https://biostationoberberg.de/aktuelles.html

  • Rheinberg: https://www.biostation-rhein-berg.de/